Ein einschneidendes Trauma


In den von mir geführten Interviews mit ehemaligen Soldaten gab es selten das eine, einschneidende Erlebnis. In der Regel berichteten die Teilnehmenden von ihrer Gesamtsituation. Diese konnte einen zeitlicher Abschnitt von wenigen Wochen bis mehreren Jahren umfassen. Ein Teilnehmer ist mir mit seiner Erzählung bis heute besonders in Erinnerung geblieben, deshalb habe ich von diesem ursprünglich 10 seiteigem Interviewtext mit Hilfe von ChatGPT eine Zusammenfassung erstellt. Den Namen und einige persönliche Daten habe ich verändert. Das Interview führte ich im Oktober 2003.

Herr Neumann, Jahrgang 1912, lebt in einem Seniorenwohnheim. Bereits im Vorfeld wurde ich darauf hingewiesen, dass er nur wenig erzählt und Sorge habe, nicht alle Fragen beantworten zu können. Während des Interviews wirkt er unruhig, richtet sich häufig auf seinem Stuhl auf und kann sich an viele Einzelheiten nicht mehr erinnern. Mehrfach antwortet er mit „Das weiß ich nicht mehr“. Dennoch schildert er ein Kriegserlebnis, das ihn bis heute beschäftigt.

Herr Neumann meldete sich 1933 freiwillig zum Militär und war bis 1945 Soldat. Zuletzt erreichte er den Dienstgrad eines Leutnants, zuvor war er als Oberschirrmeister für Kraftfahrzeuge und Waffen zuständig. Als besonders prägendes Erlebnis beschreibt er einen russischen Luftangriff im Jahr 1943 während seines Einsatzes in Russland.

Zum Zeitpunkt des Angriffs befanden sich Herr Neumann und seine Kameraden auf freiem Feld. Viele Soldaten waren gerade beim Mittagessen, während Herr Neumann für Fahrzeuge zuständig war. Der Angriff kam völlig überraschend. Er berichtet von zahlreichen Bombern und einem „großen Durcheinander“. Viele Kameraden wurden getötet; besonders eindrücklich erinnert er sich daran, dass Menschen durch die Explosionen „in der Luft gehängt“ hätten. Auch Freunde und Kameraden, die er gut kannte, kamen dabei ums Leben. Herr Neumann selbst erlitt eine leichte Verwundung am Unterkörper, konnte sich jedoch noch bewegen und aus eigener Kraft aus dem Gefahrenbereich gelangen. Anschließend wurde er von Sanitätern und Ärzten versorgt.

Seine damaligen Gedanken und Gefühle kann Herr Neumann nur eingeschränkt wiedergeben. Er beschreibt, dass alles sehr schnell gegangen sei und keine Zeit zum Nachdenken geblieben sei. Der Angriff sei „zu viel“ gewesen, insbesondere wegen der großen Anzahl der Bomber. Angst sei während des Krieges ein ständiger Begleiter gewesen. Auf die Frage nach seinen Gefühlen während des Angriffs kann er sich jedoch nicht mehr konkret erinnern. Die Soldaten seien dem Angriff weitgehend hilflos ausgeliefert gewesen, da sie sich auf freiem Feld befanden und keine wirksame Verteidigungsmöglichkeit hatten.

Als wichtige Stütze nennt Herr Neumann seinen Glauben, auch wenn er nicht mehr genau erklären kann, wie dieser ihm geholfen habe. Ebenso beschreibt er die Kameradschaft als gut und hebt hervor, dass Gespräche mit anderen über die Kriegserlebnisse später wichtig für ihn gewesen seien. Über Einzelheiten dieser Gespräche erinnert er sich jedoch nicht mehr.

Der Krieg begleitet Herrn Neumann bis heute. Auf die Frage, ob er noch an das Erlebnis denke, antwortet er mehrfach, dass er „tagtäglich“ an den Krieg zurückdenke. Dabei tauchen vor allem Bilder vor seinem inneren Auge auf. Eine zentrale Konsequenz, die er aus seinen Erfahrungen gezogen hat, formuliert er klar: „Es soll kein Krieg mehr geben.“ Den Krieg selbst bezeichnet er rückblickend als „Blödsinn“ und erklärt viele Ereignisse mit den Worten: „Das war der Krieg.“

Neben den Belastungen durch Kampfhandlungen erinnert sich Herr Neumann auch an schlechte Versorgungsbedingungen. Die Ernährungslage in Russland sei schlecht gewesen und es habe häufig an notwendigen Dingen gefehlt. Das Klima während des beschriebenen Luftangriffs sei sommerlich und sehr heiß gewesen.

Privat war Herr Neumann verheiratet und Vater von zwei Söhnen. Seine Familie war ihm wichtig, und er dachte während des Krieges häufig an zuhause.

Im Nachgespräch äußert Herr Neumann, dass es ihm nach dem Interview schlecht gehe. Auf Nachfrage bestätigt er, dass ihn die Erinnerungen an das Gesprächsthema beschäftigen. Als hilfreich nennt er schließlich das bevorstehende Mittagessen. Insgesamt zeigt das Interview, dass die Kriegserlebnisse, insbesondere der Luftangriff von 1942, trotz vieler Erinnerungslücken bis ins hohe Alter nachwirken und Herrn Neumann emotional weiterhin beschäftigen.